Zwischen den Bäumen und dem System


über das Recht im Wald zu leben , den Preis des Widerstands und eine Frage , die die Politik nicht stellt

Es herrscht eine allgemein bekannte Annahme in diesem europäischen Teil der Erde über “ den Mensch “ als Gegenteil der “ Natur “ . Die Worte , die gesellschaftlich akzeptiert auch von Politiker*innen dazu gesprochen werden , setzen ungesagt voraus , dass Mensch und Natur sich nicht vertragen würden . Der Mensch sei soweit von der Natur enfernt , aus seinem Naturzustand herausgelöst , so zivilisiert , dass er die Natur sehr wenig brauche und sich schon garnicht dauerhaft in ihr aufhalten könne , sollte oder überhaupt dürfe , ohne ein schädlicher Fremdkörper zu sein oder zu werden . Diese Annahme wird lautstark oder leise vermittelt , oft auch ohne das sie direkt aus – und angesprochen werden müsste . Wir finden sie auch in der Art wieder , wie Menschen Naturräume nutzen oder gestalten wollen . Die Natur kann besucht werden . Spaziergänge in ihr sind verträglich . Natur zum Zeitvertreib , als Hobby oder als Urlaub zu besuchen , ist akzeptiert . Campen ist auf dafür geeigneten Plätzen mit strikten Regeln erlaubt . Es ist auch gern gesehen , überall ein bisschen Natur zuzulassen – aber nicht zuviel und besser nur in gekennzeichneten Bereichen oder hinter Zäunen . Die Natur muss auch kultiviert werden . Sie muss aufgewertet werden . Sie muss umgeschaltet werden – vom Mensch . Die Wildnis muss sich erstnoch entwickeln , obwohl sie schon längst da ist und sich entwickelt . Aber sie muss erst noch mit menschlichem Zutun weiterentwickelt werden . Der Kontakt zur Natur ist solange gesellschaftlich akzeptiert , solange er durch entsprechende Regelwerke geordnet stattfindet . Die Trennung muss weiter klar bleiben : hier Mensch , Kultur , Zivilisation – da Natur . Das es auch anders geht und ging , das hat den Horizont Vieler vor langer Zeit verlassen . Und doch finden sich in unserer Zeit Menschen , die das Bedürfnis verspühren , das Wagnis eingehen oder es aus instinktiven Antrieb heraus einfach probieren . Manche wollen im Wald leben . Nicht um dort zu Besuch zu sein , sondern um dort zu wohnen und sich auf die Natur als das eigene Zuhause beziehen . Mit anderen Lebewesen in Gemeinschaft zu wohnen , als Nachbarn , die nicht der Mensch sind , an erster Stelle mit dem Wald in Kontakt treten und mit ihm in einem täglichen Rhytmus zu stehen In den Augen und vorallem in den Köpfen Vieler geht sowas nicht . Aber Menschen leben mit und zwischen den Bäumen . Die individuellen Gründe für so eine Entscheidung sind so vielfältig wie die Menschen . Doch gibt es einiges an Erfahren und Erleben dort und derweil , was sich verbinden lässt und du allgemeingültige Aussagen verschriftlicht werden kann : Es geht um die Rückehr des Weltbezuges in seinen Originalzustand . Es geht um den Platz , den der Mensch im Lebensgefüge inne hatte , bevor er sich für die Maschine und den Kapitalismus optimierte . Es geht um ein Verständnis , das den Menschen nicht als Mittelpunkt und Krone der Schöpfung verortet , sondern als eine Art unter Vielen einreiht . Weltbezug , Platz und Verständnis verkörpern eine Lebensweise , die im Laufe der Jahrhunderte fremd geworden ist und vielleicht zur Problemlösung der unzähligen Krisen unserer Zeit beitragen könnte .

Was die Geschichte zeigt :

Die Annahme , Mensch und Natur seien unverträglich , ist keine schon so immer gewesene Tatsache , sie ist nur derzeit allgemein geltende Norm . Sie ist eine kulturelle Setzung und sie ist offensichtlich widerlegbar , denn es gab und gibt schon immer Menschen , die in Wäldern leben . Der Amazonas-Regenwald als der grösste verblieben Urwald der Erde , ist die Heimat von etwa 1.5 Millionen indigenen Menschen , die sich in 385 ethnische Gruppen teilen . Völker , wie zum Beispiel die Yayomami haben ihre traditionelle , naturverbundene Lebensweise seit über 10.000 Jahren beibehalten . Sie leben in einem der artenreichsten Ökosysteme der Erde . aus dem Wald nehmen sie immer nur soviel , wie sie zum Überleben brauchen . Die gesamte Natur dient als Vorratskammer : Früchte , Blätter , Wurzeln , Wildtiere , Fische , Medizinpflanzen . Über 300 verschiedene Pflanzenarten werden von den Menschen des Amazonasgebiets als Nahrungsmittel genutzt . ( Quelle : Ernährungs – und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen / FAQ )

Studien zeigen etwas sehr entscheidenes , indigene Territorien , die Naturschutzgebiete sind . funktionieren am Besten , sogar besser als Nationalparks . Die indigenen Territorien Brasiliens waren zwischen 1990 und 2020 nur zur 1,2 Prozent von Abholzung betroffen . Wo Menschen im Wald als Bewohner , als Mitlebewesen ihrer Umwelt leben , bleibt der Wald bestehen und am gesündesten . ( Quelle : WWF , indigene Territorien schützen , 2025 )

Satellitenbilder vom Amazonasgebiet zeigen uns aber die grausame Realität in scharfen Kanten : Flecken intakter Wälder erscheinen als grüne Inseln inmitten gewaltiger Zerstörung . Die Grenzen zwischen geschütztem indigenen Land und abgeholztem Umland sind direkt erkennbar . Das ist kein Zufall . es ist der sichtbare Beweis einer anderen Beziehung zwischen Mensch und Wald . Die Einen sehen Wald als ausbeutungswürdiges Kapital zur Profitgewinnung und die Anderen sehen ihn als Teil ihrer lebensnotwendigen , schützenswerten Mitwelt . Dadurch , dass die indigenen Völker verdrängt werden und der Wald abgeholzt wird , schwindet noch viel mehr , was sich nicht ersetzen lässt .

das europäische Beispiel – der Hambacher Wald

Was im Amazonas im planetaren Maßstab sichtbar wird , wiederholt sich mitten in Europa . Im Hambacher Wald haben Menschen seit 2012 in Baumhäusern gelebt , Räumungen standgehalten , Repressalien ertragen . Sie haben mit ihrer blossen Existenz etwas verteidigt , was die Parteien und Politiker*innen , die die letzten 50 Jahre regiert haben , leichtfertig den wirtschaftlichen Interessen geopfert haben . was einmal 5500 Hektar alter Wald war , ist auf etwa !0 Prozent seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft . Was verblieben ist , wurde 2020 vertraglich geschützt , keine weiteren Rodungen im Wald selbst . Das ist ein Erfolg . Aber er relativiert sich , wenn Mensch weiss , dass die Bagger trotz Rodungsstopp bis auf 50 Meter an den Wald herangerückt sind . Das hat die Bergbehörde genehmigt . Nun soll der Wald zunächst zum Wildnisentwicklungsgebiet werden , wenn RWE mit dem Braunkohle – und Kiesloch fertig ist , soll der Wald im öffentlichem Eigentum zum Naturschutzgebiet werden . Das klingt nach Ziel , nach Versprechen , nach Ankunft . Wer genauer hinsieht , bemerkt , dass da viel heisse Luft drinsteckt . Nachzulesen hier : LNatSchGNRW§ 40 und BuNatSchG§23 . Und mit den Erfahrungen und Erlebnissen in NRWE die letzten Jahre , wissen wir , nichts ist sicher , solange die Bagger nicht stillstehen . Die aktuelle politische Entscheidung zum Wildnisentwicklungsgebiet trägt eine stille Konsequenz in sich , die bisher noch nicht laut ausgesprochen wird . Natürlich darf dauerhaft zukünftig nicht in solch einem geschützten Wald gelebt und gewohnt werden . Die Menschen , die jahrelang in diesem Wald gelebt und ihn geschützt haben , sollen ihn verlassen müssen , nicht weil sie gescheitert sind , sondern weil das Recht , das ihren Erfolg absichert , keinen Platz für die Schützenden vorsieht . Das Muster ist erkennbar : Im Amazonas werden indigene Völker von staatlicher Seite aus von ihrem Land verdrängt , damit Konzerne Rohstoffe abbauen können . Im Hambacher Wald werden Menschen verdrängt , damit ein Konzern Rohstoffe abbauen kann . Die Begründungen sind verschieden , das Ergebnis ist daselbe .

was Protest darf und was er kostet…

Die Frage nach Legitimität von Protest ist so alt wie die Demokratie selbst . Ziviler Ungehorsam , der bewusste Regelbruch um auf ein Problem aufmerksam zu machen , hat eine lange Tradition : von Ghandi über Martin Luther King bis zur Anti-Atom-Bewegung der 1980er Jahre in Deutschland . Die Forschung zeigt : Ziviler Ungehorsam ist als Protestmittel besonders dann legitimierbar , wenn es um existenziell wahrgenommene Krisen geht . Juristisch ist die Lage komplizierter . Ein Regelbruch bleibt ein Regelbruch , auch wenn er moralisch begründet ist . Es gibt jedoch einen Gedanken , der tiefgreifender ist : Ziviler Ungehorsam kann Ausdruck von Loyalität gegenüber der Verfassung sein , nicht ihres Bruches . Menschen machen Recht geltend , die das System ihnen verweigert . Die Menschen im Hambacher Wald haben etwas geschützt , das schutzwürdig war . Sie haben Recht behalten . Und sie werden dafür nicht gewürdigt , sondern verdrängt . Das System lobt das Ergebnis , es schweigt über den Preis .

das Recht , anders zu leben …

Im Schatten dieser Geschichte stellt sich eine zweite Frage . Eine , die leiser ist aber nicht weniger dringend . Was ist mit Menschen , die nicht nur gegen etwas protestieren , die grundlegend anders leben wollen ? Die das System nicht reformieren , sondern verlassen möchten ., nicht aus Gleichgültigkeit , sondern weil sie im System etwas erleben , das ihrem Wesen schadet ? Die Wissenschaft gibt darauf keine befriedigende Antwort und das ist selbst eine Aussage . Wer die Fachliteratur zur psychischen Gesundheit und gesellschaftlichen Ausstieg durchsucht , findet Menschen ausserhalb systemischer Strukturen fast ausschliesslich als Problem , als Versorgungsfall , als Abweichungen von der Norm . Die Frage , ob das System selbst krankmachen könnte , wird kaum gestellt . Die Frage , ob der Ausstieg eine gesunde Antwort darauf sein kann , noch seltener . Das Schweigen der Forschung ist in diesem Fall keine Leerstelle – es ist eine Positionierung . Was diesen Menschen begegnet , ist kein Verständnis , sondern systematischer Ausschluss . Wer kein Smartphone hat , kommt nicht an das Jobcenter . Wer keine feste Adresse hat , kommt nicht an staatliche Leistungen . Das Recht auf ein analoges , selbstbestimmtes Leben existiert theoretisch . In der Praxis wird es täglich ausgehöhlt . Und doch ist da noch etwas anderes . Eine Spannung , die ehrlich benannt werden soll . Wer die Schäden dieser Welt sieht und sich denoch entschliesst , nicht Abseits zu leben , sondern mitten darin an Veränderungen mitzuwirken , der lebt in einem permanenten Kompromis . Er nimmt Zumutungen in Kauf , weil er es als selbstsüchtig empfinden würde , in einem persönlichen Rückzugsort zu verweilen , während das Gemeinsame leidet . Es ist ein Kompromis , der Kraft kostet und der denoch gewählt wird . Weil Gemeinschaft Verantwortung bedeutet , auch wenn die Bedingungen schwierig sind .

was der Wald weiss …

Der Hambacher Wald ist mehr als ein Stück Wald . Er ist ein Spiegel , für das , was eine Gesellschaft schützt und was sie opfert . Für die Frage , welche Stimmen gehört werden und welche nicht . Für den Preis , die Menschen zahlen , die sich weigern das Unreparierbare einfach hinzunehmen . Die Annahme , dass Mensch und Wald sich nicht vertragen , ist keine Naturwahrheit . Sie ist eine politische Entscheidung und politische Entscheidungen lassen sich verändern , wenn die richtigen Fragen gestellt werden .


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